skip to content

DE EN Home

Department of Mass Communication

Einsatzbericht von Dr. Andreas Hoessli und Paolo Poloni
University of Zambia, Lusaka
21. September – 14. Oktober 2011
download Bericht (pdf)

 

Filme auf You Tube

Clear Vision

Memoires of Rose

Mirriam the Barber

 

Introducing Documentary Filmmaking

,,The course participants will shoot and edit a short documentary project on a subject of their choosing, preferrable a portrait film. The course will be dedicated to mentoring participants through this process and learning how to develop an idea, find a visual approach, do interviews, and finally edit a short documentary film. It will focus on practical learning: Handling camera equipment, sound and light; Scene decoupage – exercises including short fictional scenes if desired - and conducting interviews; basic postproduction and digital editing. The course will include viewing and analyzing film excerpts and whole documentary films.’’
22. Juli, Paolo Poloni, Andreas Hoessli


21. September, Ankunft in Lusaka. Zwei Tage zuvor haben Präsidentschaftswahlen stattgefunden. Die Resultate sind noch immer nicht bekannt. Wahlfälschungen sind im Gange, wird befürchtet. Die Stimmung ist angespannt. Beratung am Department for Mass Communication der Universität Zambia am folgenden Tag. Die Aktivitäten werden diese Woche eingestellt. Unser Kurs soll erst am Dienstag der kommenden Woche beginnen.

 



Nachricht in der Nacht zum Freitag: Der Herausforderer, der Kandidat Michael Sata ist gewählt. Zehntausende strömen zum Obersten Gericht, wo der neue Präsident am gleichen Tag vereidigt wird. Das gegenteilige Wahlresultat hätte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt. Das ist die Meinung der vielen, mit denen wir an diesem Tag auf dem Platz vor dem Obersten Gericht sprechen. Und: Sata ist der Mann, der mit der Korruption aufräumen wird. Mir kommt es vor, wie wenn an diesem Tag ein wenig “arabischer Frühling” in Lusaka zu wäre. Die Videoaufnahmen, von Paolo Poloni an diesem Tag gedreht, zeigen wir später den Studenten und Lecturers. Mit der Frage, wie aus fast zwei Stunden Videoaufnahmen ein Film von 10 Minuten zu schneiden wäre.

Die Präsentation. Die Praxis soll unser Ausgangspunkt sein, das haben wir zum Kursprinzp erklärt. Wir verfügen über vier Kameras mit Perche, also Tonarm mit Richtmikrophon. Am ersten Tag: Jede Studentin, jeder Student stellt sich persönlich vor. Wählt den Ort und das “Setting”, in dem seine Präsentation aufgenommen wird. Und ist der Reihe nach vor und hinter der Kamera, führt Regie, arbeitet als Kamerafrau oder Tonmann. Am gleichen Tag schauen wir das Gefilmte an, mit Beamer auf eine Leinwand projiziert. Was macht den Unterschied, wenn der Blick Theresas in die Kamera geht, und später rechts auf eine Person neben der Kamera gerichtet ist? Hat das auch Einfluss auf die Art der Reflektion? Warum hat Benson eine Treppe als Setting für seine Selbstdarstellung gewählt?

 



Shot. Counter-Shot. “Schuss” und “Gegenschuss”. Jede Gruppe dreht eine Dialogszene. Vier Mal müssen die Dialoginhalte gesprochen bzw. möglichst ähnlich improvisiert und nachimprovisiert werden, in unterschiedlichen Weiten der Kameraeinstellungen. Erstaunlich: Die hohe Begabung der Darstellerinnen. Eine der Szenen nennen wir später “Gossiping”: Eine bitterböse “Klatscherei” über Mitstudenten, mit hohem komischen Potential. “Shot” und “Countershot” führen direkt zu den Fragen der Montage, wo im Bild- und  Tonschnitt erst der Dialog zum Dialog im Film wird.

 

Montage: Zwei Macintosh Computer mit AVID Schnittsystemen – unsere eigenen – habe wir mitgebracht, dazu einen gespendeten PC mit gespendetem Schnittsystem dazu, dieses soll an der Universität bleiben. Erstaunlich, wie rasch und intensiv die Studenten sich in die technischen und gestalterischen Fragen des Filmschnitts vertiefen.

 

Kamerapositionen. Wir zeigen einen Ausschnitt aus “Godfather” von Coppola: die berühmte Szene, in der Michael Corleone den Chef der feindlichen Mafiafamilie und einen korrupten Polizeibeamten in einem Restaurant erschiesst. Von wievielen Kamerapositionen aus wurde diese Mordsequenz gedreht? Wieviele Einstellungen enthält sie? Ich glaube, mit der mehrmaligen analytischen Betrachtung dieses Ausschnitts haben die Studenten viel über Montage, Zeit und Raum im Film gelernt – sie haben uns später immer wieder darauf angsprochen. Das gleiche mit Ausschnitten aus dokumentarischen Filmen, die wir ihnen zeigten, u.a. aus “Congo River”, “On the Rumba River”, oder aus Chaplins “The Kid”.

 



Reportagen: Schon am dritten Tag schickten wir die Studenten auf Reportageübungen. Ich glaube, das war ein Lernen im Schnellzugstempo. Wie gehe ich an Leute heran? Wie setze ich die Kamera ein? Wie werde ich das Material organisieren, eine kleine Geschichte erzählen? Dann kam die Aufgabe, die wichtigste in unserem Kurs: Die Planung einer grösseren dokumentarischen Reportage. Themen sollten bestimmt werden.

Das Eigene: Die Studenten tragen ihre Themenvorschläge vor. “Verkehrsstau in Lusaka”. “Digitale Migration”. “Herrenlose Hunde in der Stadt.” Sie wollten Experten und Politiker interviewen. Nein, sagten wir, die wir an der Universität die weissen “Experts” waren – Wir wollen: Portraits. Keine Interviews mit Experten, sondern kleine, persönliche Filme. Zuerst herrscht Ratlosigkeit. Doch ich glaube, die meisten der Studentinnen verstanden uns rasch. Wir beharrten auf dem Eigenen, dem eigenen Blick, argumentierten gegen die ewig gleiche, vermeintlich objektive Mechanik der Fernsehberichte. Das Resultat waren schliesslich kleine Filme, die etwas Tieferes vom Leben in Zambia berührten: Das Portrait eines blinden Studenten, am Schluss eine Szene im Kino, wo der Blinde regelmässig hingeht;  Das Portrait einer alten Frau in einer Shantytown, mit ihrem Kampf um Wasser, der alltäglichen Not, in der Schlusszene tanzt und singt die alte Frau; ein Film über einen Coiffeursalon von Frauen, in dem diese auch die Haare von Männern schneiden – eine Ausnahme in Zambia und ein humorvoller Blick in ein kleines Universum. Drei kleine, persönliche Filme entstanden, eigentliche Bijoux, und niemand würde nach ihrer Betrachtung vermuten, dass die Filmemacher drei Wochen zuvor erstmals Kameras und Tonarme bedient hatten, dass sie zuvor nie mit einem Filmschnittsystem zu tun hatten.

 


Die Entdeckung des Eigenen, des ICH, des Besonderen, das in jedem Menschen vorhanden ist, ist wohl das Schwierigste, was bei einem Kurs über dokumentarisches Filmemachen zu vermitteln ist. Noch auf der Reise zurück in die Schweiz sprachen wir darüber, dass der Mangel an Eigenem oder dessen Entwertung vielleicht sogar ein ganz wichtiger Teil von “Unterentwicklung” ist. Wir hoffen, dass wir in naher Zukunft einer Regisseurin, einer Lyrikerin oder einem Musiker namens Antonio Mwanamuke, Masiku Banda oder Chilufya Chilufya aus Zambia begegnen werden.

Zürich, 1. November 2011 Andreas Hoessli, Paolo Poloni


© pixelmixer.ch | powered by wb